Der Möriketurm
Augen-Blicke zwischen Nähe und Weite
Eduard Mörike – ein Dichter zwischen den Zeiten
Eduard Mörike, 1804 in Ludwigsburg geboren, gilt als Dichter zwischen den Zeiten und ihren verschiedenen literarischen Strömungen. In den feinfühligen, auch geheimnisvollen Landschaftsbildern seiner Gedichte ist noch die Romantik zu erkennen. Literaturgeschichtlich wird er dem Biedermeier zugerechnet, also jener Epoche, die in Zeiten historischer Umbrüche durch den Rückzug ins Private und Häusliche gekennzeichnet ist. Doch er brach solche literarischen Schemata immer wieder mit feiner Ironie auf, ging eigene dichterische Wege. Seine präzise Sprachkunst und genaue Beobachtung von Realität lassen sogar schon Züge moderner Lyrik erkennen.
Die Natur als Resonanzraum
Die Natur beschreibt Eduard Mörike häufig als Resonanzraum für menschliche Gefühle und Ort des Wandels und des Zeitenwechsels. Dafür steht unter anderem sein berühmtes Frühlingsgedicht „Er ist’s“: „Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte…“ Die Morgendämmerung oder das Abendlicht sind in seinem Werk ebenfalls zeitliche Zwischenräume, in denen Gefühle, aber auch Sehnsüchte besonders stark und tief sind.
Das „Dazwischen“ prägt auch Mörikes Biografie, nicht selten in Form von Zweifeln und inneren Brüchen. Sein Vater war 1817 gestorben. Ein Onkel und Mörikes Mutter wollten unbedingt, dass der junge Eduard eine theologische Ausbildung machte. Sie führte ihn unter anderem an das Tübinger Stift, wo er über den Studienfreund Wilhelm Waiblinger Kontakt zum kranken Friedrich Hölderlin bekam. Seine Vikariatszeit verbrachte Eduard Mörike vor allem im Raum Nürtingen und Kirchheim. Neben Oberboihingen gehörten unter anderem auch Köngen, Owen, Ochsenwang und Weilheim zu seinen zahlreichen Stationen.
Zwischen Pfarrerberuf und Poesie
Mörike zweifelte in dieser Zeit zunehmend am Pfarrerberuf, zerrieb sich immer mehr zwischen der beruflichen Pflicht und seiner Leidenschaft für die Poesie. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme. Diese innere Zerrissenheit und die Sehnsucht nach dem Anderen und Freien weisen eine gewisse Parallele zu Friedrich Hölderlin auf. Anders als Hölderlin wagte es Eduard Mörike jedoch nicht, als freier Schriftsteller sein Leben ganz als Poet zu leben. 1834 übernahm er eine feste Pfarrstelle in Cleversulzbach. Und doch führt Mörike in einem Gedicht seinen Glauben mit der Gedichtkunst besonders eindrucksvoll zusammen - im „Gebet“: „Herr! schicke, was du willt, / Ein Liebes oder Leides…“
Seine Sprachsensibilität, präzise Beobachtung und innere Tiefgründigkeit prägen auch Eduard Mörikes Erzählwerk. Zu ihm zählen die feinsinnige Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“ und „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“ mit der bekannten Geschichte von der schönen Lau.
Eduard Mörike starb 1875 in Stuttgart. Er wurde auf dem Pragfriedhof beerdigt.



